VERSUCH EINER ANNÄHERUNG

Das Augenfälligste beim Eintauchen in das Universum der Künstlerin Blazenka Kostolna ist das strukturierte Chaos, das sich auf allen Ebenen ihres kommunikativen Ausdrucks und ihres schöpferischen Schaffens wiederfindet. Man spürt förmlich den kreativen Vulkan, der scheinbar nur mit Mühe durch die ordentlich gestapelten Leinwände und die übersichtlich beschrifteten Schubladen im Gemeinschaftsatelier, in dem sie arbeitet, im Zaum gehalten wird. Und doch ist genau diese nicht gewollte Dualität das einzig richtige. Der scheinbare Widerspruch zwischen der unspektakulären Alltagsordnung und dem ungestümen Schaffensdrang erzeugt eine Spannung, die gleichsam Motor und Thema ihres Werkes ist. Blazenka K. spricht in kurzen, prägnanten Sätzen. Druckreife, konzeptionelle Aussagen zu ihrer Arbeit wechseln sich mit hektischen, suchenden Wortschlaufen ab, auch hier das ihr typische Dualitätsprinzip offenbarend. Sie malt, weil es die einzige Selbstverständlichkeit und der Ausdruck ihrer selbst ist. Die Bilder gebären sich von alleine, zunächst als geballte Ladung Emotion, die als Farbe und mit dem Einsatz des Körpers ihren Weg nach Aussen finden muss. So beginnt die Künstlerin, die leere Leinwand mit den Händen zu bearbeiten. Sie schmiert die Farbe auf den weissen Grund, übermalt, verdünnt, verschmiert wieder. Dieser Prozess kann bis zu einer Woche dauern. Sie lässt sich überraschen von den Motiven und Geschichten, die in diesem Prozess auferstehen. Immer wieder, im Rahmen der Entstehung ihrer Bilder, kommt sie an den Punkt, wo bereits eine Form oder Komposition erkennbar ist, wo man das Werk als fertiges Bild betrachten könnte. Aber der ihr eigene Perfektionismus, die Suche nach dem vollkommenen künstlerischen Ausdruck, treibt sie immer weiter an. Sie spürt und ihr Intellekt sagt ihr auch, dass sie die erstrebenswerte Vollkommenheit nie erreichen wird, trotzdem probiert sie es immer wieder. Das ist ihr Weg, das ist der Weg der Kunst. Manchmal erschrickt sie, wenn sie ein Bild nach der Überarbeitung schlimmer findet als vorher - es tut weh. Aber sie macht einfach weiter, bis das Sichtbare dem inneren Gefühl annähernd entspricht. Manchmal fühlt sie sich auch nach der fünften Überarbeitung noch nicht in der Nähe der Vision, die nach Erscheinung drängt. Dann ergreift sie das Gefühl der Überforderung. Sie verspottet sich selber ob ihrem Hochmut, so nennt sie die Ursache für diesen Zustand, der eine vorübergehende kreative Blockade und Zweifel auslöst. Und doch ist es genau diese Überforderung, die dazu führt, dass sie ihre eigenen Grenzen ausweitet und auf ihren Leinwänden eine ergreifende künstlerische Schöpfung entstehen lässt.
DIE SYNAGOGE

Die Ausstellung in der Mikulas-Synagoge in der Slowakei hat für die Künstlerin eine ganz besondere Bedeutung. Während ihrer Zeit als Studentin der Kunstgewerbeschule in Bratislava fand Blazenka K. einen Ferienjob bei einem Restaurator, dessen Atelier sich gleich neben der Synagoge befand. Auf ihrem Arbeitsweg kam sie täglich an der alten Synagoge vorbei, die damals vom kommunistischen Regime zu einem Materiallager umfunktioniert war. Die Studentin Blazenka stellte sich oft beim vorbeigehen auf Zehenspitzen, um einen Blick in das Innere der eindrücklichen Architektur zu erhaschen, aber durch die verhüllten und hocheingelegten Fenster konnte sie nichts sehen. Schon die grossen Säulen des Gebäudes verleiteten sie zu Fantasien, dass dieser Ort und dieses Haus etwas mystisches, geheimnisvolles und magisches in sich verbirgen. Nach jahrelanger Vernachlässigung gilt die Synagoge heute als Kulturgut und steht unter dem Patronat des städtischen Museums Janka Krala. Die Synagoge dem ursprünglichen Sinn und Zweck zwar immer noch entfremdet, wird heute als spirituell-geistiges und kulturelles Zentrum der Stadt genutzt: als Konzertsaal oder Ausstellungsraum. "Ein Traum für jeden Künstler, an solch energetischem Ort und mit solch stark abgefärbter geschichtlicher Vergangenheit, als erste ausstellen zu dürfen"; mit Dankbarkeit erinnert sich die Künstle-rin noch heute an ihre erste grosse Fotoausstellung auf slowakischem Terrain in eben dieser Synagoge. Es war die erste Ausstellung überhaupt in der Synagoge. Zu sehen waren Friedhofsfotografien aus der ganzen Welt, die für die Künstlerin eine grosse autobiografische Bedeutung haben. Sie war damals, nach 35 Jahren im Exil, zum ersten Mal wieder nach Hause zurückgekehrt. Ihr erster Weg auf heimatlichem Terrain führte sie zum Friedhof, wo sie den lieben Menschen, die inzwischen gestorben sind, begegnen konnte. An diesem stillen Ort konnte sie danken und um Verzeihung bitten, was auch zum Titel ihrer Fotoausstellung, «Versöhnung», führte. Ihre Besuche auf Friedhöfen gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit und die Verbindung zu ihrem Land in Gesellschaft der Seelen, die sie dort spürte. Heute, fast 10 Jahre später, findet die letzte Kunstausstellung in der Synagoge statt, bevor diese wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt wird. Und abermals ist Blazenka Kostolna die Künstlerin, die für diese wichtige Aufgabe gewählt wurde. Heute zeigt sie dort ihre Acrylbilder aus dem Zyklus «SPIRIT OF COLOURS».

«SPIRIT OF COLOURS»

Am Anfang der Entstehung ihres Zyklus «SPIRIT OF COLOURS» steht die Idee der Schöpfung - die 4 Elemente: Erde, Feuer, Wasser, Luft. Ürsprunglicher Arbeitstitel «DIE Elementarteilchen» mussten weichen als sie realisierte, wie sich die Entwicklung und die Malprozesse verselbständigten und wie die Farbe für sich einen wichtigen Anteil beanspruchte, kam sie davon ab. Die Künstlerin folgt einer Idee, die plötzlich Eigenleben entwickelt: die wächst, sich verändert, sich gedanklich ausdehnt, die eigene Sprache spricht und die den ganzen künstlerische Arbeitsprozess miteinbezieht - die Technik, die Visionen und auch die Lebenshaltung - alles ist dem Wandel unterworfen. Angefangen hat sie mit der Farbe Rot als Symbol für Energie, Feuer, Aktivität und das Leben. Blazenka K. beginnt die Arbeit an den roten Bildern oft mit dem Roller, zeigt in ihnen eine kompositorische Strenge und Ordnung, vielfach durch den Einsatz geometrischer Formen (ein Jahr später werden sie fast alle übermalt). Obwohl immer wieder figurative Elemente auftauchen, werden sie nicht als störbar empfunden, nur weil sich die Künstlerin der Reduktion widmen will. Abstrahie-ren, loslassen, das ist für sie das Schwierigste und zur Zeit auch ihr Lebensthema. Visuelle und inhaltliche Ordnung in ein Bild bringen, minimieren, wenig Farbe, wenig Bewegung, wenig Fläche. Manchmal weiss sie genau, welche Wirkung sie erzielen will, manchmal wieder nicht, die Bilder entstehen einfach. Die berühmte Angst vor der weissen Leinwand kennt sie nicht.

Beim Übergang zum grünen Teil des Zyklus, der für das Fliessende, Unberührbare und unkontrolierbare, das Herz, die Emotionen und die Liebe steht - das Element Wasser - kommt auch der Mut von Blazenka K. in Bewegung. Sie beginnt mit Händen, Pinsel und nassem Schwamm zu arbeiten. Von da an gibt es kein Bremsen mehr. Bei der Entstehung der weiteren Bilder wird nahezu der ganze Körper der Künstlerin einbezogen. Der Zyklus entwickelt sich hin zum Blau, das für Himmel, Freiheit, Intelekt, Logos und Spiritualität steht. Das Thema Ostern findet in figuralen menschlichen Schattenwürfen Eingang in die Gemälde und reflektiert damit eine mystische Spiritualität, in der sich das Thema Auferstehung wiederfindet. An seinem Ende neigt sich der Zyklus zur Farbe Braun, zur Erde (die wirklichkeit und die Materie), die Ruhe, Weichheit und Stabilität in das Gesamtwerk bringt.

Die Erdbilder werden von allen Farben berührt, die Künstlerin schafft Querverbindungen zu den anderen Farbkompositionen und arbeitet stark mit dem Licht, um das Verborgene in den Vordergrund zu bringen. Hier manifestiert sich ihr Credo, dass sich der Kunst widmen bedeutet, einen Schritt aus der Finsternis zu machen. Ihre Orientierung aus der Finsternis heraus heisst Eingebung und basiert auf Meditation. Meditieren bedeutet für die Künstlerin wahrnehmen und aufnehmen und als kreative Reaktion darauf erwidern und reagieren, was zu ihrem persönlichen künstlerischen Ausdruck führt, zu der Sprache ihrer Arbeit. Das Licht übernimmt dabei die Funktion des fünften Elementes und steht für Unschuld, Reinheit und Klarheit. Sie unterscheidet dabei zwischen schwarzem und weissem Licht. Schwarzes Licht erhellt warm, schafft weiche Konturen, daraus kann die Künstlerin neue Formen erschaffen, neue Flächentiefen gebären. Weisses Licht hingegen kann nicht noch heller werden und steht damit für die endgültige Wahrheit. Der Prozess der Lichtgebung in ihrem Werk ist wiederum eng mit der Meditation verbunden. Diese beginnt in den frühesten Morgenstunden (Schreiben, Yoga und Lichtarbeit). Bei der Tagwerdung hellt sich von der Nacht durchdrungenes Inneres auf - je dunkler die Nacht, desto heller wird der Tag. Dieses Wechselspiel ist in ihren Bildern gut sichtbar, genau so wie zwei verschiedene, deutlich wahrnehmbare Bewegungen. Einerseits gibt es die Bilder, die durch eine Vielschichtigkeit an Farbnuancen eine Sogkraft nach Innen entwickeln, als könnte der Betrachter von ihnen weggezogen werden, in ihnen abtauchen oder versinken. Andererseits kreiert die Künstlerin durch intuitives Einsetzen von Kontrasten Spannungsbögen, die bei den extrovertierten Werken den Eindruck erwecken, vom Bild gleichsam überflutet zu werden. Diese Orientierung nach Innen oder nach Aussen ist in allen vier Elementen des Zyklus erkennbar und spürbar. Obwohl sich die Künstlerin in ihrem Werk immer mit sich selbst beschäftigt, sind indirekte Einflüsse von der Aussenwelt gut wahrnehmbar. Etwa in einer weiteren Sequenz roter Bilder nach den letzten Anschlägen in London, in der Verarbeitung des Hinschieds von Papst Johannes Paul II. in den spirituellen blauen Osterbildern oder in figurativen weiblichen Elementen bei Bildern, in denen die sinnliche Wahrneh-mung in Gedanken an einen geliebten Mann durchschlägt. Das soll auch so sein, denn die künstlerische Arbeit ist für Blazenka Kostolna ihr leibeigene Lebensprozess. Die Kraft und Stärke für die Zukunft schöpft sie aus dem, was sie erschafft, indem sie sich selbst durch ihr Werk immer wieder neu erfindet und definiert.

Brana Prikic, Zürich 22. August 2005

Blazenka Kostolna wurde 1949 in Galoväny, Okres Liptovsky Mikulas, Slowakei geboren, studierte an der Kunstgewerbeschule in Bratislava Fach Kunstfotografie und emigrierte 1968 aus der besetzten Ex-Tschechoslowakei in die Schweiz, als 19 jährige hochschwangere Frau. Im Rheintal arbeitet sie einige Jahre als Fotografin, später als Grafikerin im Thurgau und in Zürich.

Im Leben spielt Blazenka Kostolna viele und äusserst unterschiedliche Rollen; die der Künstlerin ist ihr besonders wichtig. Sie malt, zeichnet, macht Objekte und Grafiken, dichtet, schreibt, fotografiert, verarbeitet Lust und Frust, portraitiert am liebsten Frauen. In diesen Bildern ist immer auch ein Stückchen von ihr selbst zu entdecken, Mosaiksteine ihres widersprüchlichen, oft zerrissenen Lebens. Sie ist Slowakin, Schweizerin, lebt allein, ist manchmal unglücklich und will gleichzeitig alles: Leben, Kunst, Glück und vieles mehr, am liebsten leicht slowakisch übertrieben...